Die Hambi-Räumung im EA – ein Erfahrungsbericht

Der folgende Text ist der Bericht einer Einzelperson, welche die Hambi-Räumung im Ermittlungsausschuss (EA) miterlebt hat. Der EA ist telefonisch erreichbar und kümmert sich um Festgenommene und alle die Stress mit der Polizei haben – im Hambacher Forst auch 24 Stunden am Tag. Hinterm Telefon sitzen Menschen, das wird mit dem folgenden Text klar. Für Lesende, die das vielleicht beim Titel nicht unbedingt erwarten, noch eine Warnung vorab: Es geht auch um Sonne, die Person, die im Hambi starb.

Diesen Text schreibe ich für mich um das Geschehene zu verarbeiten, vielleicht ist er aber auch für andere interessant.Die Hambi-Räumung ist jetzt über ein Jahr her, trotzdem denke ich noch ziemlich oft an die damalige Zeit. Ich war nie viel im Hambi, habe mich dem Projekt aber seit vielen Jahren sehr verbunden gefühlt und habe immer mal wieder mit Menschen, die dort ihren Lebensmittelpunkt zu unterschiedlichen Zeiten hatten oder haben, Aktionen gemacht.

Als Struktur hatten wir uns entschlossen, den HambiEA während der Räumung zu unterstützen. Ich kam von relativ weit weg und war während der Zeit immer mal wieder ein paar Tage am Stück da. Eine sehr intensive Zeit. Schon in der Vorphase der Räumung, mit dem Gefahrengebiet Hambacher Forst, verging kaum ein Tag ohne dass eine Person von den Cops eingesperrt wurde – oft wegen Nichtigkeiten. Das ging knapp zwei Wochen so – auch da waren wir jeden Tag 24 Stunden am Tag erreichbar, immer ein bisschen auf dem Sprung zum Telefon. Ich hatte da jedoch nur einen relativ ruhigen Wochenenddienst mit wenigen Festnahmen. Die Spannung lag aber bereits in der Luft.

Als es dann richtig los ging und die Bullen mit der Räumung der ersten Barrikaden und Baumhäuser anfingen, kam ich sobald ich konnte, auf etwas anderes konzentrieren ging sowieso nicht. Es war selten leicht, die Schichten für die 24h-Erreichbarkeit einigermaßen besetzt zu bekommen, einige haben 8-Stunden-Schichten neben ihrem Alltag geschoben. Einmal lachten wir, als wir feststellten, dass wir immer noch bessere hatten als die Cops, die ab der dritten Woche 12-Stunden-Schichten hatten. Wir haben das insgesamt rund einen Monat geschafft, dann wurde die Räumung nach dem Rodungsstopp aufgegeben. Ich musste mich oft zwingen, Pause zu machen, von dem allen weg zu gehen und einen Spaziergang in der unwirklich friedlichen Stadt zu machen, zu versuchen einen dummen Roman zu lesen – weil ich wusste, dass ich meine Energie bei der nächsten Schicht brauchen würde.

Die Räumung unterbrach nachts manchmal, aber das Einsperren von Menschen nie. Ich weiß nicht, ob in der Räumungsphase jemals die Gesa (Gefangenensammelstelle im Polizeipräsidium) leer war. Für uns war das immer ein ganz schönes Gepuzzel: beobachtetete Festnahmen, gemeldete Menschen mit Spitznamen auf Bäumen, EA- und ABC-Nummern, Polizeinummern und von frei gelassenen gemeldete Zahlen zusammen zu bringen. Zu schauen wer noch vom Vortag in der Gesa war, wer gerade frisch hinein gekommen war. Als in der ersten Woche zwei Menschen vor Haftrichter*innen und im Knast gelandet waren, ohne dass sie die Möglichkeit hatten mit uns oder einem Anwalt zu sprechen, erhöhte das den Druck auf uns. Auf die Cops und dass sie Menschen sowas wie elementare Rechte gewähren, war kein Verlass. Trotzdem wollten wir nicht wieder jemensch ohne jeglichen Beistand im Knast verschwinden sehen und überlegten jeden Tag, bei welchen Festnahmen das wohl im Raum stehen könnte. Einmal war es sehr knapp: Wir konnten nur Anwälte zu den anstehenden Haftprüfungen schicken, weil eine sehr solidarische Person aus dem Büro eines Anwalts alle Gerichte der Region nach den Gesuchten durchtelefoniert hatte (Danke!). Die Eingesperrten und wir wurden von den Cops nach Strich und Faden belogen, wieder und wieder. Hätte ich damals noch an den Rechtsstaat geglaubt, spätestens in dieser Zeit hätte ich den Glauben verloren.

Wir waren nicht oder selten im Hambi vor Ort, nicht direkt betroffen; wir wurden nicht verprügelt, saßen im Warmen. Dennoch spürte ich den Räumungsdruck, die Verantwortung und wir bekamen übers Telefon oft die schlimmsten Teile der Räumung berichtet: Gewalterfahrungen, völlig fertige Menschen in der Gesa, willkürliche Schikanen, Menschen die mit der Repression nicht weiter wussten. Und ich wusste natürlich: Meine Freund*innen sind da draußen und machte mir Sorgen. Einmal, als ich nach einigen Tagen Pause wieder auf dem Weg zum EA war, fehlte gerade die Kontroll-SMS, dass es ihnen gut geht, schon über mehrere Stunden. Ich versuchte, mir einzureden, es gäbe bestimmt eine harmlose Erklärung. Angekommen im Büro fiel mein erster Blick auf die Tafel: Ich sah die Namen meiner Freund*innen unter dem Punkt „Haftrichter*in“. Ein Schock. Erleichterung, als ich erfuhr, dass es nur um Unterbindungsgewahrsam ging, also um zwei Tage, nicht um unbegrenzte Zeit im Knast. Sorgen um eine Freundin, von der ich weiß, dass sie nicht gut mit Eingesperrtsein klar kommt. Erleichterung, als ich hörte, dass alle wieder frei und einigermaßen okay waren.

Überhaupt, die ganze Zeit, immer ein Wechselbad der Gefühle. Ich kann nicht behaupten, dass mir das Puzzeln, die Herausforderungen nicht auch Spaß gemacht haben. Das schöne Gefühl, wenn Menschen Spaß in der Gesa hatten oder sie eingesperrt werden, aber am nächsten Tag direkt wieder im Wald sind. Im EA gab es immer wieder mal ein paar ruhige Stunden, einmal hatten wir ganze anderthalb Stunden um zusammen einen Film zu schauen, dann wieder klingelten die Telefone pausenlos.

Dann kam der schlimmste Tag der Räumung, wohl für alle. Wir hatten an dem Tag Probleme mit den Schichten und Pausen, weil viel los war, sodass ich am Ende eine 13-Stunden-Schicht hatte – es sollte die schlimmste meines bisherigen Lebens werden (und wird es hoffentlich bleiben). Es waren etwa 50 Menschen in der Gesa, viele von den allmorgendlichen Sitzblockaden. Wir verfolgten die Nachrichten auf Twitter, wie immer, um einen Überblick zu haben. Dann stürzte Sonne ab. Niemand von den gerade Anwesenden kannte Sonne persönlich, aber wir waren geschockt, umklammerten uns. Die Anrufe aus der Gesa kamen weiter, die Leute in den Massenkäfigen dort spielten fröhlich mit einem Brötchen im Käfig Fußball. Wir telefonierten mechanisch. Ich sagte, es hilft nichts, wenn wir nicht mehr funktionieren. Wir funktionierten, irgendwie. Wir entschieden, sie noch ein paar wenige Stunden fröhlich sein zu lassen und sagten nichts. Ich weiß nicht ob die Entscheidung richtig war (denn wir gingen damit auch das Risiko ein, dass sie es von den Cops erfahren würden). Aber sie eingesperrt völlig runter zu ziehen, erschien uns auch nicht gut. Für uns waren die Telefonate schwer, denn wir hatten die Fröhlichkeit verloren.

Dann ein weiterer Gesa-Anruf. Ich nahm ab, die Person am anderen Ende fragte nur: „War es Sonne?“ Ich bejahte, kurz dankbar dafür, dass uns ein solidarischer Mensch sofort den Waldnamen mitgeteilt hatte, sodass ich zumindest in dieser Situation nicht noch nachfragen musste. Mit dem Telefon verließ ich den Raum, konnte andere Personen um mich nicht ertragen. Nichts hatte mich darauf vorbereitet, einer gefangenen Person am Telefon sagen zu müssen, dass ein Freund von ihr tot war. Wir telefonierten eine Weile. Wenigstens war die Polizei dieses eine Mal nicht ganz pietätlos. Ich war überfordert, wusste nicht was ich sagen sollte, immer wieder schwiegen wir nur, aber ich wollte ihr das Gefühl geben, dass ich da bin, mit ihr trauere. Es war kein Gespräch, was ich abwürgen konnte, wie sonst manchmal nötig (um das Telefon frei zu bekommen). Die Person tat mir so leid, Freund tot und völlig unklar, ob sie frei kommen würde (war in Einzelhaft mit schwererem Vorwurf, Haftprüfung angedroht). Ich weiß nicht mehr, was ich genau gesagt habe, aber am Ende bedankte sich der Mensch dafür, dass ich mir Zeit genommen hätte, vielleicht war es also nicht völlig falsch. Mich hat das Telefonat aus der Bahn geworfen – noch heute wühlt mich die Erinnerung manchmal auf.

Trotzdem, wir mussten weiter funktionieren. Die Mordkommission war im Wald, ermittelte und versuchte Menschen als Zeug*innen zu befragen. Die Menschen vom Baumhaus wollten runter, die Cops sie aber nicht gehen lassen ohne Aussage. Seelsorger*innen und Sanis wurden nicht durchgelassen. Wir telefonierten hin und her, versuchten hinzubekommen, dass irgendwer dahin kam. Wir erreichten einen Anwalt, der so fertig war wie wir und einen anderen, den wir nicht so gut kannten, der aber hinfuhr. Menschen fingen an, mit den Cops zu reden. Ich twitterte „Aussage verweigern“ und wir bekamen dafür einen Shitstorm. Dafür dass wir die Ansicht vertraten, dass die Cops vermutlich nur Menschen etwas anhängen wollen und dass, um Unfälle aufzuarbeiten eine Diskussion in eigenen Kreisen viel geeigneter sei. Unser Twitter-Account wurde gesperrt. Und neben all dem mussten wir weiter Entscheidungen treffen und den Überblick über die Eingesperrten behalten.

Um eins fiel ich auf die Matratze und konnte erstaunlicherweise schlafen, wohl ein Schlaf der Erschöpfung. Am Morgen um acht hatte ich wieder Schicht. Die Gruppe „Out of Action“ – die Aktivisti emotionale erste Hilfe anbietet – fragte über Twitter irgendwann mal, wie es uns gehe. Ich war dankbar dafür, dass irgendwer auf dem Schirm hatte, dass es auch für uns nicht leicht war., Ich antwortete: „Wir funktionieren“. Sie meinten, dass sei erst mal gut. Ich habe relativ bewusst versucht, meine Gefühle zu verdrängen, damit das möglich war. Irgendwie hat es funktioniert. Die Menschen die runter wollten, durften endlich das Baumhaus verlassen.

Die Räumungspause war kurz, wir hatten nie wirklich eine Pause. Ich hasste und hasse den Innenminister und die Bullen dafür. Dafür dass sie mit ihrer Räumung den Druck, unter dem der Unfall geschah, erst aufgebaut hatten.

Bei Ende der Räumung war auch ich wirklich gereizt. Einmal hatte ich den Impuls eine Person am Telefon anzuschreien, sie solle sich nicht so anstellen, es gäbe schlimmeres als ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch. Ich riss mich zusammen, erklärte und beruhigte sie (euer freundlicher EA, immer für euch da). Ein Vorgang, der mir bewusste machte, wie angegriffen auch mein Nervenkostüm war.

Als das Wochenende mit Großdemo und Ende Gelände nahte, war mir klar, ich muss raus. Ich übernahm für die Tage die Beratung zu den ganzen Jura-Fragen im Hambi-Camp, was eine schöne Abwechslung war. Auch während der Räumungszeit war ich mal einen Tag in der Nähe vom Hambi gewesen, um eine Lieferung neuer Rechtshilfe-Broschüren dort zu lassen. Menschen berichteten mir von Omas mit ihren Enkelkindern und Frauen in Stöckelschuhen, die gemeinsam im Wald im strömenden Regen Barrikaden bauten, Klettergurte schmuggelten und die Waldbesetzer*innen unterstützten.

So liegen Leid und Freude nah beieinander, physische und psychische Verletzungen, aber auch die Erfahrung, dass der Staat nicht allmächtig ist und am Ende zum Kapitulieren gezwungen war – auch wenn ein Gericht das verkünden musste. Die Erfahrung, dass ein Innenminister und ein paar Cops es schaffen können, binnen kurzem ein neues Gorleben zu schaffen, eine beachtliche Menge der Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Menschen die das Gefahrengebiet, den Kontrollwahn und die Gewalt nicht vergessen werden, aber auch nicht die empowernde (bestärkende) Erfahrung, gemeinsam das Gesetz zu brechen, um für etwas zu streiten. Auch für mich wird es immer eine zwiespältige Erinnerung bleiben – in jedem Fall eine intensive Erfahrung und eine, die ich auch nicht abgeben will. Ich will mich erinnern.

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